Abstraktes Floral

Netzwerk Dresden Wissenschaft und Wirtschaft

N eugier, Passion, Können – und die richtigen Partner: Eine geprüfte Erfolgsformel für alle, die die Menschheit und die Welt vorwärtsbringen wollen. In Dresden beflügeln sich Forscher und Wirtschaft gegenseitig. Das, was unser Leben verändern und verbessern kann, wird bereits erdacht. Dresden hat den Nährboden für Ideensetzlinge angelegt, bestehend aus wissenschaftlichen Institutionen, Netzwerken und Räumen. Aber die Geschichten dazu erzählen Menschen. Von Stefanie Maeck

Vorandenken

Es war ein denkwürdiger Augenblick, als sich Gerhard Fettweis vor sechs Jahren mit anderen Professoren der TU Dresden zusammensetzte und überlegte, was der heutigen mobilen Kommunikation eigentlich fehle: „Wir können noch keine Objekte bewegen“, ging es ihm auf. Heute erforscht der Elektrotechniker mit dem 5G Lab die Zukunft des Internets – die fünfte, ja die bahnbrechende Generation. Und diese wird, lauscht man dem Professor, einer Revolution gleichkommen: Autonom fahrende Autos, Tele-Operationen von Roboterhand, gesteuerte Assistenzroboter zur Bombenentschärfung sind mit diesem ultraschnellen Netz möglich. Ganz wichtig für das sogenannte taktile Internet ist seine haptische Dimension: „Der Operateur kann dann wirklich spüren, was der Roboter spürt“, erklärt Fettweis die Zukunftsvision. Entscheidend dafür sei allerdings eine „Latenz von einer Millisekunde“, die superflinke Übertragung und deren Antwort, sonst empfänden und fühlten wir nicht authentisch. Also: ein Echtzeitinternet.

Ich empfinde mich ja irgendwie als Kreativkünstler.
Gerhard Fettweis

„Ich empfinde mich ja irgendwie als Kreativkünstler“, verrät Fettweis. Aus dem Silicon Valley kam er 1994 nach Dresden. Ein kleiner Kulturschock und zugleich die Chance seines Lebens. In Kalifornien wäre er wohl den üblichen Weg gegangen, glaubt er: Start-ups gründen, reich werden unter dauerblauem Himmel. Doch im auch mal graukalten Dresden konnte er Aufbauarbeit leisten: „Mit dem 5G Lab will ich am liebsten die ganze Uni mitreißen und uns einen Schub nach vorne geben!“

Im Lab arbeiten knapp 20 Professoren der TU Dresden zusammen. Ihr Ansporn ist es, über die Grenzen des heute Vorstellbaren hinaus zu denken – und die Grenzen zwischen den Fächern zu überwinden. Die interdisziplinäre Kooperation, so Fettweis, sei wichtig: „Ich habe zum Beispiel Physiologen und Psychologen in meinem Team, aber auch Robotik, Mechatronik und natürlich Software Engineering spielen eine große Rolle.“ Er erinnert sich noch gut, wie er 1994 für verrückt erklärt wurde, als er sagte, bald würden wir womöglich Filme auf unseren Handys ansehen …

Gerhard Fettweis 54, Professor für Nachrichtentechnik an der TU Dresden
Gerhard Fettweis 54, Professor für Nachrichtentechnik an der TU Dresden, leitet gemeinsam mit Frank Fitzek das 5G Lab der Uni: ein Verbund von fast 20 TU-Professoren, die die Zukunft des Internets erforschen. 5glab.de

Die taktile Generation des Internets wird unsere Arbeits-, Einkaufs- und Gesundheitswelt dramatisch verändern, da ist sich der Lab-Koordinator sicher. Zum Guten: „Ich sehe viele neue assistierende Jobs für kreativ begabte Menschen entstehen. Sie werden die Technik beraten.“ Im Alltag werden wir mit taktil-haptischem Feedback zum Beispiel Skateboardfahren auf dem Simulator lernen, bevor wir uns auf die Straße wagen. Und mit einem Exoskelett werden Fernphysiotherapien möglich. Sogar Angela Merkel sucht die Nähe zu den Dresdner Pionieren. Kürzlich ließ sie sich für ihren Regierungsblog von einem Wissenschaftler aus dem Team interviewen. Fettweis: „Mein aufgeregter Mitarbeiter sah im Anzug ein wenig wie ein Bestattungsunternehmer aus, aber er hat seine Sache super gemacht!“ Das 5G Lab ist nicht Science Fiction, sondern Zukunft made in Dresden.

Starthilfe für Hightech

Die schönste Belohnung ist für Bettina Vossberg, wenn sie eine Finanzierung einfädeln konnte – wenn sie helfen konnte, dass eine Idee in die Welt findet. Vossberg, die Geburtshelferin, sitzt in einer Villa auf dem Campus der TU Dresden. Dort hat die HighTech Startbahn Dresden ihren Sitz, vor fünf Jahren von ihr gegründet. Zuvor hatte die Kölnerin 14 Jahre in der ganzen Welt gearbeitet, in Hongkong, Malta und Jakarta. Als sie die Forschungslandschaft Dresdens kennenlernte, staunte sie, was für hochgebildete Köpfe hier arbeiten.

Eines Tages stand ich mit meinen Mitstreitern beim Notar, kurz darauf hatten wir 1,7 Millionen Förderung für unser Vorhaben eingeworben.
Bettina Vossberg

Sie sah allerdings auch, was fehlte: Ideen versandeten, weil an der Uni Geld fehlte – und unternehmerisches Know-how. Die heute 51-Jährige hatte ihre Mission entdeckt: „Eines Tages stand ich mit meinen Mitstreitern beim Notar, kurz darauf hatten wir 1,7 Millionen Förderung für unser Vorhaben eingeworben.“ Das umfasst: Geld und Ideen zusammenbringen, Start-ups aus dem Hochtechnologiebereich bei der Ausgründung helfen. Heute sitzen Ingenieure und Physiker vor ihr, „zuweilen eher nüchterne Köpfe“. Vossberg unterstützt sie dabei, andere von ihren Erkenntnissen zu begeistern, feilt mit ihnen an Businessplänen, schärft die Idee, vernetzt Hochtechnologie-Start-ups mit solventen Business Angels. Die Startbahn ist Inkubator, Brutstätte und Trainingscamp für Jungunternehmer. Jedes Mal aufregend sei es, erzählt Vossberg, eines der Start-ups für die „Hightech Venture Days“ zu coachen, eine Art Gründungswerkstatt, die der Verein rund ums Kapital ins Leben gerufen hat.

Mittlerweile hat sich europaweit bei Investoren rumgesprochen, dass auf der Talentmesse Spitzenideen und sogar internationale Geldgeber zueinander finden. „Dem geht aber ein intensives Pitchtraining voraus“, erklärt Vossberg. Dieses Jahr präsentieren sich die 60 besten Jung-Unternehmen aus sechs Schlüsseltechnologien. Wenn ihre Schützlinge auf der Bühne stehen und in zehnminütigen Pitches ihre Ideen vor Investoren aller Kontinente mitreißend präsentieren, ist Vossberg stolz.

Bettina Vossberg 51, gründete nach Stationen in der ganzen Welt in Dresden das Netzwerk HighTech Startbahn.
Bettina Vossberg 51, gründete nach Stationen in der ganzen Welt in Dresden das Netzwerk HighTech Startbahn: Sie hilft Hochtechnologie-Vordenkern, deren Innovationen auf den Markt zu bringen. hightech-startbahn-netzwerk.de

Wenn sie Feierabend macht, genießt sie direkt vor ihrer Wohnungstür die quirlige Neustadt voller Kneipen und Lebenslust. Und wenn es nach ihr geht, kann Dresden nicht international genug sein. „Ich selbst lerne bei jedem Hochtechnologie-Start-up Neues über die Welt.“ Entsprechend Spaß mache es, die jungen Gründer für den globalen Markt zu beflügeln.

Hoffmanns Erzählungen 2.0

Sprache ist sein Steckenpferd. Doch Rüdiger Hoffmann, Grandseigneur der Sprachtechnologie, ist nicht etwa Linguist, sondern Ingenieur. Automatische Sprachverarbeitung, technische Spracherzeugung – sein Ding. Der Professor weiß: „Der Mensch ist bei Sprache sehr empfindlich. Im Zeitalter von Siri und Co kann er es gar nicht leiden, wenn synthetische Sprache durch eine Maschine schlecht wiedergegeben wird. Wir merken das bei automatisierten Ansagen.“

Patienten mit Parkinson oder mit Schlaganfall konnten wir bei der Sprachrückgewinnung helfen.
Rüdiger Hoffmann

Genau in diesen Empfindsamkeiten lägen die spannenden Aufgaben für sein Fach. Hoffmann hat bis 2008 das Institut für Akustik und Sprachkommunikation der TU Dresden geleitet, mittlerweile gilt die Stadt international als Spitzenstandort der Sprachtechnologie. Schon bei der Institutsgründung 1969, als die Rechner riesengroß waren, erinnert sich Hoffmann, „waren wir gut“. Die Praxistauglichkeit von Spitzenforschung zeigte sich, als die Forscher russischen Umsiedlern halfen: „Wir schrieben ein automatisches Trainingssystem zur Akzentreduktion.“ Die Computertechnik, so Hoffmann, hatte eine Engelsgeduld bei der Aussprachekorrektur und half so beim Deutschlernen.

Auch im Bereich der Medizin hilft Sprachtechnologie aus Dresden: „Patienten mit Parkinson oder mit Schlaganfall konnten wir bei der Sprachrückgewinnung helfen.“ Und einmal hat das Team einen Algorithmus geschrieben, um jugendgefährdende Schriften im Internet zu erkennen.

Rüdiger Hoffmann 67, Professor und Emeritus der TU Dresden
Rüdiger Hoffmann 67, Professor und Emeritus der TU Dresden, wo der Ingenieur von 2003 bis 2008 das international renommierte Institut für Akustik und Sprachkommunikation leitete. tu-dresden.de

Wo aber spielt die Zukunftsmusik der Sprachtechnologie? Aktuell, erzählt Hoffmann, würde auf der Interspeech, der führenden Konferenz auf dem Gebiet der automatischen Sprachverarbeitung, daran geforscht. Nach Orten wie Lyon oder Singapur konnten die Wissenschaftler das internationale Meeting in die Elbmetropole locken. Unter dem Motto „Speech beyond Speech“ wird geforscht, wie technische Sprache Stimmungen und andere komplexe Signale wie Ironie verarbeiten kann. 1500 Wissenschaftler aus aller Welt waren bei Hoffmann und Kollegen zu Gast. Und natürlich bat Hoffmann die Spezialisten zu einem Satelliten-Workshop am Rande der Konferenz in seine historisch-akustisch-phonetische Sammlung. Die ist sein heimlicher Stolz und einmalig: „So sehr man über den Exponaten hier ins Schwärmen kommen kann“, sagt er, „heute machen wir natürlich ganz moderne Dinge.“ Was aber macht der Professor, wenn er nicht seine Sammlung pflegt? Dann begeistert er sich für das Dresdner Stadtschloss: „Eine kluge Mischung aus Restaurierung und Wiederaufbau.“ Oder er genießt sein Zuhause im beschaulichen Leubnitz-Neuostra in seiner gut sortierten Bibliothek mit Essays seines Lieblingsautors Franz Fühmann.

Der Mann für Biotechnologie

Für diesen Mann passt die sonst zu oft benutzte Vokabel vom Glücksfall für Dresden wirklich. Denn so wie andere in den Urlaub fahren, gründet Wilhelm Zörgiebel Firmen. „Rund 15 sind es bis heute“, schätzt der Investor. Und wenn andere Probleme sehen, sieht Zörgiebel Chancen. Heute ist er Geschäftsführer von Biotype Diagnostic, einem Hightechlabor für DNA-Analytik und Forensik: „Dabei komme ich aus einem ganz anderen Umfeld. Aber immerhin hatte ich immer eine gute Note in Biologie!“

Durch die Wende entdeckte ich ein riesiges Aufgabenfeld. Im Osten entstand praktisch eine neue Welt.
Wilhelm Zörgiebel

Zörgiebels Triebfeder ist die Innovation. Über sie hat er einst an der Harvard Business School promoviert. „Damals interessierte sich niemand für Innovationsmanagement“, erinnert er sich. Als der junge Doktor nach München zurückkehrte, war alles beschaulich wie zuvor. Dann griff die Geschichte ein: „Durch die Wende entdeckte ich ein riesiges Aufgabenfeld. Im Osten entstand praktisch eine neue Welt.“

Zörgiebel kündigte seinen Job und kaufte 1992 das traditionsreiche, allerdings auch DDR-vernachlässigte Gebäudeensemble der Deutschen Werkstätten Hellerau. Der Sanierungsbedarf in der ehemals ruhmreichen Möbel-Fabrik war riesig, aber wenigstens waren da jetzt keine Störer, die sagten, was alles nicht ging: „Wir mussten das intelligent und mit neuen Wegen angehen.“

Wilhelm Zörgiebel 62, Investor und Firmengründer
Wilhelm Zörgiebel 62, Investor und Firmengründer, kam 1990 von München nach Dresden. Im Bereich Biotechnologie gründete er 15 Unternehmen und initierte das interkulturelle Fest „Hellerau meets Internationals“. biotype.de

Heute hat Zörgiebel in Hellerau ein privates Hochtechnologiezentrum erschaffen. Auf 16.000 Quadratmetern, direkt am Waldrand der idyllischen Gartenstadt, haben sich auf seine Initiative 50 Unternehmen aus der Biotechnologie angesiedelt, sogar welche aus dem Silicon Valley und aus Tokio haben den Innovations-Hotspot gewählt. Hellerau ist ein Ort, an dem schon historisch Innovation und Zukunft aufblühten. Zörgiebel hat aber auch ein persönliches Rezept für Innovation: „Die Guten finden sich.“

Unkompliziert hat sich mit diesem Glauben ein Netzwerk ergeben, beim Bier spricht man: „Hey, ich brauch’ Dich da.“ Klar, dass Zörgiebel im Vorstand von biosaxony sitzt, dem Netzwerk der Biotechnologieunternehmen aus Sachsen. Die haben neulich sogar den Vorrang vor amerikanischen Konkurrenten bekommen. Der Standort gilt international als top.