Andreas L. Birkenfeld blickt eine Maus auf einem Hocker in seinem Labor an.

Körpergewicht Das INDY-Gen

G anz viel von der Lieblingsspeise Schmalz – Und trotzdem eine Traumfigur. Werden auch wir bald wie die Mäuse von Andreas Birkenfeld ohne reue schlemmen können? Das INDY-Gen, ausgeschrieben „I'm not dead yet“ ist verantwortlich für einen Transporter, der Stoffwechselbausteine durch die Membran von Leberzellen und einigen anderen Zellen schleust. Hemmt man es, fehlt der Zelle Treibstoff zur Energiegewinnung. Von Katharina Kämpfer

Professor Birkenfeld, wie geht es Ihren Mäusen?
Andreas Birkenfeld: Gut! Obwohl sie viel Schmalz bekommen, also „böses“ Fett mit gesättigten Fettsäuren, sind unsere Mäuse schlank und fit. Sie bewegen sich viel und haben Appetit. Im Alter sehen sie deutlich jünger aus und bleiben gesünder als die Mäuse, die normal essen.

Woran liegt die Idealfigur?
Unsere Forschungsgruppe am Uniklinikum Dresden hat in diesen Mäusen ein Gen ausgeschaltet, das für die Energieaufnahme der Zelle wichtig ist: Das INDY-Gen, ausgeschrieben „I’m not dead yet“. Es ist verantwortlich für einen Transporter, der Stoffwechselbausteine durch die Membran von Leberzellen und einigen anderen Zellen schleust. Hemmt man es, fehlt der Zelle Treibstoff zur Energiegewinnung. Die Zelle nimmt weniger Energie auf, der Körper nimmt nicht zu, es entsteht keine Insulinresistenz und Arterienverkalkung. Bei den ersten Mäusen haben wir das Gen durch Veränderungen im Erbgut ausgeschaltet. Jetzt beginnen wir, es durch ein Medikament zu hemmen. Wenn alles erfolgreich verläuft, könnten wir diesen Blocker in drei bis fünf Jahren für Menschen testen.

Können wir in Zukunft also hemmungslos schlemmen?
Das Medikament wird sicher nur speziellen Patienten verschrieben werden! Etwa solchen mit Fettleber, die durch extremes Übergewicht entsteht. Schätzungsweise ein Drittel der Amerikaner hat bereits eine Fettleber. Die kann sich zu einer Fibrose, dann zu einer Zirrhose und einem Leberkarzinom entwickeln. Im Anfangsstadium kann man sie durch Gewichtsreduktion behandeln, aber unsere Erfahrung zeigt, dass die meisten es nicht schaffen, langfristig abzunehmen. Einem 150 oder 200 kg schweren Patienten kann man auch nicht ohne Weiteres sagen: „Gehen Sie mal joggen!“. Bei diesen Patienten könnte das Medikament eingesetzt werden, um Fettleber, Diabetes und Herz-Kreislauf-Probleme zu verhindern und ihnen zu einer normalen Lebensdauer zu verhelfen.

Und alle anderen Menschen halten weiter Diät?
Tja, alle anderen müssen weiter auf ihre Kalorienzufuhr achten. Da sind wir sozusagen Opfer der Evolution: Jahrtausendelang war es vorteilhaft, viel Energie zu speichern. Es wird sicher noch mal 1000 Jahre dauern, bis sich unsere Körper dieser neuen Lebensweise anpassen. Bis dahin müssen wir uns beim Essen einschränken. Wer bis ins hohe Alter gesund bleiben, Krebs und dem Abbau von Gehirnzellen vorbeugen will, sollte sogar 20 Prozent weniger Kalorien zu sich nehmen, als er verbraucht. Auf die Dauer kein Spaß! Neue Studien haben aber gezeigt, dass es die gleichen vorteilhaften Effekte hat, wenn man sich 5 Tage im Monat auf Sparflamme ernährt: Man darf dann nur 1000 Kalorien zu sich nehmen, die sollten möglichst gesund sein und alle Vitamine und Spurenelemente enthalten. Den Rest des Monats darf man dagegen nach Lust und Laune essen

Andreas L. Birkenfeld in seinem Labor im Uniklinikum Dresden

Andreas L. Birkenfeld

will eine Brücke zwischen Labor und Krankenbett schlagen. Der Professor für Metabolisch-Vaskuläre Medizin am Uniklinikum Dresden und Direktor des Zentrums für Klinische Studien GWT-TUD wurde 2015 mit dem Ferdinand-Bertram-Preis der Deutschen Diabetes Gesellschaft ausgezeichnet.
uniklinikum-dresden.de