Bereits in „Operation: Orfeo“ beschäftigte sich Kirsten Dehlholm mit Adolphe Appia.

Festspielhaus Hellerau Die Musik ist der Chef!

Anzeige A dolphe Appias Bühnenbilder räumen mit einem Missverständnis auf. Radikal, subtil, gründlich und bis heute gültig. Es ist nicht einfach, den Einzug einer neuen Zeit in jenen schmucklosen Stufen- und Treppenaufbauten zu erkennen, die der Schweizer Bühnenarchitekt Adolphe Appia 1913 auf die Bühne stellte. Von Siiri Klose

Rhythmische Räume

Doch es gibt gute Gründe, warum Dieter ­Jaenicke, Intendant des Europäischen Zentrums der Künste Dresden, ihren Nachbau im Hellerauer Festspielhaus initiiert – eingebettet in ein Projekt zur künstlerischen Vergangenheit und Zukunft dieses Hauses. Denn hier liegen einige der Wurzeln, aus denen sich heutige Opern-, Tanz- und Theateraufführungen speisen.

Zu Appias Zeiten konkurrierten aufwendig gemalte Wälder oder Thronsäle mit den Darstellern um Publikumsbeachtung. Seine Entwürfe müssen wie ein dürftiger Scherz gewirkt haben. Und doch setzte er etwas Größeres in Gang – an einem Ort, der bis heute gewohnten Denk- und Sichtweisen eine andere Richtung geben kann. Wer zwischen den Pfeilern des Eingangsportals steht, spürt die ernste Stille unter dem Ying- und Yang-Zeichen im Giebel. 1911 baute Heinrich Tessenow das Festspielhaus nach der Geometrie von rechten Winkeln und gleichschenkligen Dreiecken. Nachdem der Historismus den Fassaden kaum Ruhe gönnte, war es im 20. Jahrhundert an der Zeit, die gerade Linie neu zu erfinden.

Bereits in „Operation: Orfeo“ beschäftigte sich Kirsten Dehlholm mit Adolphe Appia.

Neben Tessenow und Appia arbeitete der Musikpädagoge Émile Jacques-Dalcroze daran, der im Festspielhaus mit Rhythmischer Erziehung die tänzerische Moderne einleitete. Rhythmische Räume und das eben erst elektrifizierte Licht erschienen Appia als adäquate Gestaltungsmittel für eine strenge Hierarchie auf der Bühne: Erst zählt der Wille des Komponisten, dann seine Musik, dann die Darsteller – und das Bühnenbild dient all dem. Nicht umgekehrt.

2019 ist das Jahr des Bauhauses, das sich endgültig die gerade Linie und klare Form zueigen machte. Eine Pfahlwurzel führt nach Hellerau, wo bis heute Bewegung in den Aufführungsformen herrscht.

Appias Bühnen­bild zu Glucks „Orpheus und Eurydike“ zur Eröffnung des Festspielhauses Hellerau 1913
Appias Bühnen­bild zu Glucks „Orpheus und Eurydike“ zur Eröffnung des Festspielhauses Hellerau 1913

Raum, Licht und Bewegung

Im Projekt „Utopie – Existenz – Utopie. Die Rekonstruktion der Zukunft“ spürt das Europäische Zentrum der Künste Hellerau den Ideen Appias nach. Bau-Proben und ein Sommerworkshop münden in einem Veranstaltungs­zyklus mit Choreograf William Forsythe, Theaterregisseur Robert Wilson, Musiker Nitin Sawhney und der Regisseurin Kirsten Dehlholm.
hellerau.org
Okt./Nov. 2017