Deckenbögen im Residenzschloss

Residenzschloss Geschichte wird gemacht in epochaler Pracht

Anzeige G lauben geht auch anders – Individualität kann zu gesellschaftlichen Radikal-Veränderungen führen. Die Reformation hatte ihren eigenen Stil. Der neue Kopf der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Die vielen Gesichter unseres Gesichts. Von Siiri Klose

Ein gewaltiges Gesamtkunstwerk

Das Dresdner Residenzschloss ist ein gewaltiges Gesamtkunstwerk mit einer fast acht Jahrhunderte währenden Biografie – 40 Jahre als Kriegsruine inklusive. „Es ist eine der engagiertesten Kulturbaustellen überhaupt“, sagt Dirk Syndram. Der Schlossdirektor und Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer kam bereits 1993 nach Dresden. Von den prunkvollen Räumen im Schloss war damals allerdings noch nicht viel zu erahnen.

Inzwischen hat sich die Kulturbaustelle zum Renaissanceflügel, 1530 von Herzog Georg dem Bärtigen errichtet, vorgearbeitet. Seit 2016 ist dort die Dauerausstellung „Weltsicht und Wissen um 1600“ zu sehen. 2017 wird auch der Ost- und Nordflügel mit den Ausstellungen „Auf dem Weg zur Kurfürstenmacht und „Kurfürstliche Garderobe“ im Ost- und Nordflügel eröffnet. Fünf Säle präsentieren Prunkwaffen, Fürstenporträts und Gewänder aus der Reformationszeit und dem Frühbarock vom Staatskleid bis zum Hundehalsband – einzigartig in Europa. „Das ist ein Alleinstellungsmerkmal der sächsischen Fürsten“, sagt Syndram: „Einerseits waren sie so reich, dass sie sich diese Dinge in außergewöhnlicher Qualität leisten konnten. Andererseits nicht reich genug, um sich von ihnen zu trennen.“

Nur durch die Kombination von Wissen­schaftlern, Handwerkern und Architekten war es möglich gewesen, dieses Gewölbe wieder neu zu erfinden.
Prof. Georg Unland, Finanzminister von Sachsen

Genügend Material also, um den Dreh- und Angelpunkt der sächsischen Landesgeschichte just in jenem Teil des Schlosses darzustellen, der damals durch einen ambitionierten Ausbau dazukam. „Es ist ja vielmehr Europageschichte, die hier gespielt wurde“, sagt Syndram und meint damit Luthers Thesenanschlag in Wittenberg von 1517, der die familiär und räumlich nahen albertinischen Herzöge in Dresden schnell beeinflusste. Als Moritz von Sachsen 1547 von Kaiser Karl V. zum Kurfürsten erhoben wurde, war Sachsen bereits protestantisch. Und als er schwerverletzt 1553 seinem Bruder August das Kurschwert überreichte (in der Ausstellung ist sowohl das Moritzmonument zu sehen, das diesen Machtwechsel festhält, als auch die originale, blutbefleckte Feldbinde von Moritz), hinterließ er ihm auch eine protestantisch geweihte Schlosskapelle.

„August wiederum war ein Verwaltungs­genie, ein glühender Protestant und eine ­zentrale Figur im Machtgefüge Europas“, sagt Syndram. Dieser August (der Urur­ur­großvater August des Starken) war am kaiser­lichen Hof in Innsbruck aufgewachsen, Knappe bei Ferdinand I., bester Freund ­Maximilians II. und Vertrauter von ­Rudolf II. „Seine Beziehungen ließen jeden am Dresdner Schloss Station machen, der sich mit einem Anliegen an den Kaiser wenden wollte“, erklärt Syndram: „Die Florentiner wurden durch seine Fürsprache Groß­her­zöge.“ In Dresden verhalf der Kurfürst ­Luthers ungeordneter Traktat-Sammlung zu einer Orthodoxie, einer kirchlichen Grundlage. Und er richtete die Kunstkammer ein – ­die Grundlage der heutigen Kunstsamm­lungen: „Durch diese Familie, die über 400 Jahre hinweg kontinuierlich hier regiert hat, haben wir immer diese Tiefenschicht. Das Resultat macht das Schloss eigentlich fast zu einer Herausforderung für die Besucher, weil es hier so unfassbar viel zu sehen gibt.“

[Re·for·ma·ti·on]

2017, im Jahr des 500. Reformationsjubiläums, wird ein weiterer Teil des Residenzschlosses eröffnet.

[Re·vo·lu·ti·on]

Friedrich August III. war der letzte König von Sachsen, er dankte am 13. November 1918 nach der Novemberrevolution ab.

[In·no·va·ti·on]

Der Mathematisch-Physikalische Salon, eine technisch-wissenschaftliche Sammlung der Kurfürsten (beheimatet im Zwinger), war die Keimzelle der heutigen TU Dresden.

Schlossdirektor Dirk Syndram

Schlossdirektor

Dirk Syndram, seit 1993 in Dresden, begleitet den Wiederaufbau des Schlosses von Seiten der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Die Bauleitung liegt beim Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement.

Schlossbesitzer

Bauherr des Schlosses ist der Freistaat Sachsen. Rund 377 Millionen Euro investieren Bund und Bundesland bis 2019 in den Wiederaufbau des Residenzschlosses.

Schlosskapelle

Die protestantische Kapelle wurde 1737 abgerissen, nachdem August der Starke zum Katholizismus übergetreten war. 273 Jahre später reaktivierten Architekten, Forscher und Bauleute die mittelalterliche Technik des Schlingrippengewölbe-Baus.

Musikalische Moderne Heinrich Schütz (1585 – 1672) Schlosskapelle

Musikalische Moderne

Heinrich Schütz (1585 – 1672) gilt als Vater der modernen Musik. In seinen musikalischen Predigten gehen Wort und Ton eine Beziehung ein, in der ein Element das andere geistlich erhöht. 1615 holte ihn Kurfürst Johann Georg I. nach Dresden, 1617 ernannte er ihn zum Hofkapellmeister. Ihm widmete Schütz die Psalmen Davids. Die Schlosskapelle war der Ort, an dem der Meister seine Kompositionen stets zum ersten Mal spielen ließ.

Heinrich Schütz Musikfest 2017 – „Aus Liebe zur Wahrheit“
schuetz-musikfest.de
6. – 15.10.2017